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Informationen aus Fachbüchern zur Amphibienwanderung

(1) Auszüge aus „Die Amphibien und Reptilien Baden-Württembergs“ S. 119 ff.

Wildbestände
Wildsuhlen dürften in unserer Naturlandschaft bedeutende Laichhabitate für Amphibien gewesen sein. Auch heute gibt es zahlreiche Fundmeldungen aus solchen Kleingewässern. Durch ihren offenen Charakter werden sie von Arten wie der Gelbbauchunke genutzt. Andererseits fressen insbesondere Wildschweine Laich, Larven und adulte Amphibien (Lippuner 2003). Leider benutzen Jäger Suhlen und Tümpel im Wald häufig als Kirrplätze für Wildschweine (Kirrung dient der gezielten Bejagung einer bestimmten Wildart). Durch das massive Einbringen von Mais eutrophieren diese Kleingewässer derart, dass sie für Amphibien stark entwertet werden. Die zunehmende Präsenz des Schwarzwilds erhöht den Prädationsdruck“ (Prädatoren = Beutegreifer) … die ihre Beutetiere oder Wirte töten, nach Wikipedia). „Es wird vermutet, dass die stetig steigenden Schwarzwildbestände einen bedeutenden Einfluss auf Schlangenbestände ausüben können (FILIPPI & LUISELLi 2002, VÖLKL & Thiesmeier 2002). Fütterungsplätze, aber auch Kirrungen sollten weder innerhalb von wichtigen Lebensräumen der Amphibien oder Reptilien noch in deren näherem Umfeld angelegt werden. Gewässer-, Ufer-, Moor- und Heideränder, Blockhalden und besonnte Waldränder sind ungeeignete Standorte.“

Fauna Flora-Habitat-Richtlinie
Ziel dieser EU-Richtlinie ist es, einen günstigen Erhaltungszustand der natürlichen Lebensräume und der wild lebenden Tier- und Pflanzenarten von gemeinschaftlichem Interesse zu bewahren und wiederherzustellen……. Das Ziel jedes Waldbesitzers bzw. Forstbetriebs sollte es sein, den Aufbau großer Amphibienpopulationen zu unterstützen, damit zu einem späteren Zeitpunkt beabsichtigte Eingriffe in Teile seiner Waldflächen nicht schwerwiegend für die Gesamtpopulation und somit Eingriffe verträglich mit den Erhaltungszielen sind.
… Auch die regionalen Waldbaurichtlinien der Forstverwaltungen sehen zahlreiche naturschutzrelevante Maßnahmen vor. So werden Randstreifen entlang der Wege geschaffen, bei der Holzernte wird Rücksicht auf seltene Tiere (z. B. Gelbbauchunke) genommen, Gräben werden nicht mit der Fräse geräumt, baumfreie Flächen im Wald werden geschaffen oder es werden Tümpel und Teiche angelegt.

(2) Auszüge aus “Handbuch der Amphibien und Reptilien Nordrhein-Westfalens“ Band 1:

Nahrung:
In der NRW-Literatur befinden sich über Nahrungstiere nur spärliche Hinweise. ……..knappe Hinweise auf die Nahrung der Art notiert. Die Autoren geben an, dass „als Nahrung der Erdkröte jedes Tier dient, welches sich durch Bewegungen als Beute zu erkennen gibt und nicht eine bestimmte Größe überschreitet. In der Hauptsache besteht die Nahrung im Untersuchungsgebiet aus Nacktschnecken und Insekten.“ …….
Die Larven ernähren sich vorwiegend von dem Algenbewuchs, der auf Wasserpflanzen und anderen Substraten (Totholz, Steinen etc.) wächst und den sie mit Hilfe ihrer Raspelzähnchen abweiden. Hinzu kommt Detritus, aber auch Mikroplankton, das durch Wasserfiltrierung aufgenommen wird (VIERTEL 1985). Hin und wieder hat der Zweitautor Kaulquappen an verendeten Fischen fressend beobachtet (z. B. im Uferbereich des Ewaldsees, im Emscherbruch, Stadt Herten), bis ein fein abgenagtes Fischskelett übrig blieb und somit Erdkrötenlarven auch für die Wasserhygiene Bedeutung zukommt.

Feinde
Adulte Erdkröten sind durch ihre Giftdrüsen vergleichsweise gut gegen viele Prädatoren geschützt, dennoch werden sie, v. a. Metamorphlinge, häufig gefressen. Vögel und Raubsäuger gehören zu den wichtigsten Fressfeinden.
Vögel: Eine Auswertung zur Bedeutung der Art als Nahrung für Vögel in Mitteleuropa zeigt, dass eine Vielzahl von Beute greifenden Vogelarten erwachsene Tiere meiden oder nur ohne Rückenhaut fressen. Vor allem Bussarde und Schwarzmilane scheinen aber regelmäßig adulte Kröten zu fressen. Bei Jungtieren (insbesondere Metamorphlingen) und Larven ist der chemische Schutz wesentlich geringer ausgeprägt und die Zahl der in Frage kommenden Fressfeinde unter den Vögeln entsprechend höher.

Raubsäuger
KLEWEN … berichtet aus Duisburg, wie ein Iltis (Mus- A. GEIGER) Erdkröten anschwamm, um sie tauchend von unten zu fassen und anschließend mit dem erbeuteten Tier das Ufer schwimmend zu erreichen. Dort trug er eine nach der anderen (300 Tiere in 10 Tagen) zu kleinen Depots zusammen. …
Weitere Fressfeinde der Erdkröten:

Fressfeind

Erwachsene Erdkröten

Junge Erdkröten/Metamorphlinge

Schwarzmilan

X

Mäusebussard

X
fresseningroßenMengenEkr.,insbesondereanLaichgewässern;lassendierückenhautübrig

Graureiher

X

Waschbär

X

Parasiten, Krankheiten
Myiasis, verursacht insbesondere durch die Krötengoldfliege (Lucilia bufonivora), gehört zu den bekanntesten Parasitosen bei Erdkröten. Auch in NRW sind dank der Initiativen von T. KORDGES relativ viele Fälle von Goldfliegenbefall dokumentiert worden. Erst in jüngster Zeit wurde deutlich, dass dieses Phänomen vergleichsweise weit verbreitet ist und der Befall vermutlich erheblich zur Sommermortalität adulter Erdkröten beitragen kann (WEDDE LIND & KORDGES 2008).

Gefährdungsfaktoren:
Falleneffekte In Siedlungen und an verbauten Gewässern Kenntnisstand unzureichend: Erdkröten, die im Siedlungsraum oft die Gärten und Freiflächen als Lebensraum nutzen, fallen häufig in Kellerabgänge, ebenerdig eingebaute Licht- oder Versorgungsschächte. Stellenweise sind betonierte und sehr steile Ufer, Regenrückhaltebecken und kanalartige Fließgewässer für die Art problematisch, weil hinein gefallene Tiere nicht wieder entweichen können und ertrinken. Vielfach gelangen sie auch in Gullys oder in die Kanalisation. An Klär­anlagen werden zwar einige Tiere über Amphibien-Abscheidern gerettet, dennoch ist landesweit mit erheblichen Verlusten auch für die Erdkröte zu rechnen.

(3) Auszüge aus “Handbuch der Amphibien und Reptilien Nordrhein-Westfalens“ Band 2:

Fazit und weiterer Handlungsbedarf
Im Hinblick auf den Amphibienschutz an Straßen ist zwar viel erreicht worden, v. a. durch den Bau fester Anlagen. Diese technische Lösungen dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch an solchen Standorten niemals wieder jene Konnektivität zwischen Populationen/Habitaten erreicht werden kann wie vor dem Bau einer Straße. Auf das bekannte Problem der überwiegend ungeschützten Abwanderung der Jungtiere im Bereich der temporären Anlagen muss dabei besonders hingewiesen werden. Hier sind hohe Mortalitäten zu erwarten. ……Hinzu kommt, dass beim Einbau einer festen Anlage nicht nur die an- und abwandernden Alttiere auf ihrem Weg zum/vom Laichgewässer geschützt werden, sondern auch die zeitlich versetzte Abwanderung der Jungtiere vom Gewässer. Nebenbei profitieren auch weitere Boden gebundene Arten von einer solchen Anlage. Dieser ganzheitliche Ansatz ist ein zentrales Anliegen des Artenschutzes.

(4) Auszüge aus “Handbuch der Reptilien und Amphibien Europas“ Band 5/II

Beutetiere
Die dominanten Gruppen unter den Beuteorganismen der terrestrischen Lebensstadien sind Arthropoda (=Gliederfüßer) wie Tausendfüßer, Krebstiere, Milben, Spinnen, Springschwänze, Ameisen, Asseln, Schmetterlingslarven, Käfer, Tausendfüssler, …….. Gelegentlich fressen Erdkröten auch ……… die Ackerschnecke Agriolimax agrostris (die Mehrzahl dieser Arten frisst bevorzugt frisches Pflanzenmaterial) und Wirbeltiere wie Eidechsen, Geckos, Rotkehlchen und Mäuse.

Abwanderung und Laichplatztreue:
Dispersion beschreibt die Abwanderung der Jungkröten vom Laichplatz, aber auch das Verhalten eines meist geringen Anteils der Adulten (Smith und Guen 2005, 2006). Auf diesem, nicht auf ein bestimmtes Ziel gerichteten Wanderverhalten beruht auch die Besiedlung neu entstandener potenzieller Laichgewässer. In der Regel gehört die Erdkröte zu den Arten, die solche Gewässer zuerst erreichen (SCHLÜPMANN 1982, Karthaus 1985, HERTLEIN und OERTER 1997, BAIER und Halliday 1999). Die Abwanderung der Jungkröten erfolgt in großer Zahl meist 3-5 Tage nach der Metamorphose. Die Anzahl der wandernden Tiere nimmt bei Regen zu (Buschinger et al. 1970, BUCK 1988). Die Richtungswahl bei der Abwanderung ist meist nicht zufällig, sondern wird durch eine Reihe von Faktoren beeinflusst (Heusser, 1968, WOLF 1993): Ufervegetation (MÜLLER und Steinwarz 1987, Buck 1988), vom Ufer sichtbare Waldsilhouetten (Buck, 1988), Habitatwiderstand (spezifische Landschaftsstruktur) gegenüber Wanderungen Joly et al. 2003). Experimentelle Störungen des Erdmagnetfeldes beeinflussen ebenfalls die Abwanderrichtung (Buck 1988). Geotaktische Orientierung hangaufwärts (GROSSENBACHER 1981) spielte bei Tieflandpopulationen keine Rolle (Buck, 1988).
Die Laichplatztreue beruht meist auf einem Erlernen der Position des Geburtsgewässers und erfordert die Umkehrung der Dispersionsroute nach Erreichen der Geschlechtsreife. Auch wenn der populationsspezifische Anteil der Geburtsgewässer-treuen Tiere meist sehr hoch ist, so wurden doch 35 von den 7259 Jungkröten, die im Verlauf von zwei Jahren markiert worden waren, an einem anderen Laichgewässer wieder gefangen (READING et al. 1991).

Umsiedlungserfolg:
Eine viel praktizierte Schutzmaßnahme für Erdkröten ist auch die Umsiedlung von Individuen aus Lebensräumen, die beispielsweise durch genehmigte Baumaßnahmen legal zerstört werden (Volpers und Hepp 1984, Cooke und Oldham 1995, KYEK et al. 2007). Hierbei handelt es sich letztlich um Individuenschutz und den Versuch, mit translozierten Tieren eine neue Population zu gründen. Die Ergebnisse sind zwiespältig. In England fanden aufgrund der Laichplatztreue der meisten adulten Erdkröten massive Abwanderungen aus dem neuen Gebiet statt, die während des ersten Jahres zu einer Mortalität von 64% bei den 5000 verfrachteten Männchen führte (Cooke und Oldham 1995). Zwar etablierte sich tatsächlich eine neue Erdkrötenpopulation zwei Jahre später, diese war aber in erster Linie auf Laichschnüre zurückzuführen, die ebenfalls zu den neuen Laichgewässern verfrachtet wurden. In Österreich wurde nicht die Überlebensrate von 895 verfrachteten Erdkröten (überwiegend juvenile und Subadulte) bestimmt, sondern nur die Gewässer später auf Laich kontrolliert. Drei Jahre nach der Verfrachtung wurden in 12 von 16 neu besetzten Gewässern reproduzierende Erdkröten beobachtet (KYEK et al. 2007). Beide Studien zeigten, dass die neu gegründeten Populationen fast ausschließlich auf Tieren beruhten, die vor Erreichen der Geschlechtsreife verfrachtet wurden, im Extremfall als Laich (Volpers und Hepp 1984). Die meisten umgesiedelten Adulten fallen im unbekannten Gelände Prädatoren zum Opfer oder werden überfahren. Auch restlichen Tiere sind für die neue Population irrelevant, wenn sie sich nicht im neuen Gewässer fortpflanzen. Aus populationsökologischer Sicht ist deshalb die Umsiedlung Adulter weitgehend sinnlos und allenfalls aus tierschützerischen Erwägungen vertretbar, da möglicherweise der Tod der verfrachteten Kröten im neuen Lebensraum etwas später eintritt als im zerstörten alten.

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